Veröffentlicht in Geschichtchen aus dem Leben

Feierabend ist eben erst in Zivil…

…aber das versteht nicht jeder.

Als ich neu in meiner HiOrg war, habe ich oftmals Regeln als ‚irgendwie unsinnig‘ empfunden, – ich habe mich teilweise sehr darüber geärgert, wenn es ein paar härtere Worte vom Einsatzleiter oder Chef gab, wenn etwas nicht nach dessen Vorstellungen lief und wir diese oder jene Regel zuvor eben nicht kannten. So ist es zum Beispiel so, dass man, wenn man nach einem Dienst nicht zurückfährt in die Unterkunft, sondern von dort aus nach Hause, man eine zweite, private Jacke mitnehmen muss und es einem nur seeehr selten gestattet wird, die JUH Jacke anzubehalten, wenn man alle Schilder entfernt. Generell wird auch die Anreise in öffentlichen Verkehrsmitteln in Einsatzbekleidung nur sehr ungerne gesehen. Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum, irgendwann erklärte mir jemand, dass es vor allem zu unserem eigenen Schutz sei, damit wir nicht allein durch Kleidung geoutet werden, – das war mir persönlich allerdings irgendwie unzureichend. Da ich fast immer mit den ÖVs zu meiner HiOrg fahre, habe ich mich so manches mal schon über diese Regelungen und Absprachen geärgert… und heute ist mir dann etwas elementares aufgefallen.

Es ist irgendwann am frühen Mittag, das Schneckenhäuschen hatte auch kaum Schule und befindet sich im Bus auf ihrem Weg zurück nach Hause. Das Schneckenhäuschen liest und hört trotz der leisen Musik in den Ohren, wie einige jüngere Schülerinnen sich aufgeregt unterhalten. Es geht um einen Jungen, der ja ’sooo süß‘ ist und ‚eigentlich gern mit der Lisa gehen würde‘ aber ‚leider ja noch mit der Anna geht‘, – tragische Sache, nicht zu verachten.
Mein Blick und somit auch meine Konzentration wandert zurück in meine Englischlektüre, – DonDellilos ‚Falling Men‘ es geht um den 11.September.

Irgendwann reißt mich eine energische Stimme aus meinem Buch und ich schaue etwas verschreckt hoch. Ein Mann, der bis gerade mir gegenüber saß, steht auf und geht auf die drei Mädchen zu, die immer noch kichernd tuscheln, flüstern und gelegentlich eben etwas lauter reden. Er beginnt zu motzen, während er aufsteht. ‚Ihr kleinen Schweine!‘, sagt er und steht auf. Er geht eneegisch einige Schritte auf sie zu. Dunkelblaue Jacke, silberne Leuchtreflexstreifen, eine dunkel blaue Hose, scheinbar schwere Stiefel. Er schaut ziemlich grimmig drein. Die Mädchen schrecken auf und sehen ihn an. ‚Nehmt ihr wohl gefälligst eure Taschen von den Sitzen?!‘ den Mädchen fällt der Mund auf, und als der Mann sich dreht, sehe ich auf seinem Rücken in silbernen Leuchtbuchstaben das Wort ‚Polizei‘ prangern. Es ist eigentlich leer im Bus, die Rushhour der Schüler wird erst noch beginnen, ausser den Mädchen, dem Herrn und mir, gibt es vielleicht noch zwanzig andere Fahrgäste. Niemand muss stehen, es gibt eigentlich genügend Sitzplätze. ‚Die sind von unten immerhin nass und die nächsten Leute setzen sich darauf, ihr kleinen Arschlöcher!‘ ich zucke innerlich zusammen. Habe ich eine zu gute Erziehung erfahren, dass mich so etwas schockiert? Meine Aufmerksamkeit ist jedenfalls geweckt. Die Mädchen nehmen wortlos ihre Taschen von den Sitzen, die Taschen waren trocken, – die Mädchen hatten sie bisher auf dem Rücken, – der Boden wäre aber nass, somit nehmen sie die Taschen auf den Schoß. ‚Ihr kleinen Gören habt wohl keinen Respekt, – keine Erziehung habter, – das sach ich euch!‘ sagt der Mann, – der Polizist zu ihnen. ‚Aber, was wollen Sie denn noch von uns?‘, fragt das kleinste Mädchen, eingeschüchtert. ‚Ich kann auch mit deinen Eltern reden, du kleines Arschloch!‘ ‚Aber…‘ stammelt das Mädchen. ‚Willst du das, Rotzgöre? Ihr habt doch alle keine Erziehung, für den Arsch ist das hier alles!‘ Er dreht sich energisch um, geht zurück zu seinem Platz und setzt sich. Über das Gesicht des Mädchens, das ich gut einsehen kann, läuft eine Träne. An der nächsten Haltestelle steigen sie aus, obwohl sie, – ich kenne die drei vom sehen, sonst viel weiter fahren.

Der Mann unterdes zieht sich eine Mütze auf. Ein wenig wie aus Fell sieht die aus, aber unverkennbar prangert das Zeichen der Staatsgewalt, für die er tätig ist, auf der Vorderseite. Er schaut immer noch böse. Ein wenig habe ich sogar Angst vor ihm und bemühe mich, ihn nicht anzuschauen, ihn nicht zu provozieren. Dann endlich steigt er aus. Es waren genug Leute da, die den Mädchen hätten helfen können. Nur, ‚dein Freund und Helfer‘ war es, der ihnen ‚böses‘ getan hat. Und nur ‚dein Freund und Helfer‘ war es, vor dem ich Angst hatte und wegen dem auch ich sitzen geblieben bin.

Was meint ihr? Hättet ihr euch diesem Mann gegenüber gestellt?

Nach diesem Erlebnis wird mir jedenfalls klar, – man muss wissen, was man an hat. Was auf der Jacke hinten drauf steht und was man ausstrahlt. Hatten diese Mädchen vielleicht bis heute noch Respekt und Ehrfurcht vor der Polizei, so wird es wohl jetzt eher Angst geworden sein. Feierabend ist eben erst, wenn man nicht mehr als der zu erkennen ist, der man auf der Arbeit ist. Schade, dass dieser Mann das nicht verstanden hat.

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Autor:

Lebt, liebt, lernt, träumt den Traum vom Medizinstudium. HiOrg, RS, Staatsexamen MTLA vor der Tür. Lebt vom Partymolekül in ihrem Blut.

12 Kommentare zu „Feierabend ist eben erst in Zivil…

  1. Gibt es bei Euch in der Stadt eine Lokalzeitung, der Du mal einen Tip geben kannst? Bei meinen Eltern erscheint in der Zeitung auch immer eine Kolumne, bei der solche Sachen ironisch erwähnt werden.
    Wenn ich jetzt schreibe, ich hätte noch nie einen Polizisten in Zivil gesehen, klingt das ein bißchen wie Hohn, aber soweit ich weiß, fahren die tatsächlich aus der Pflicht heraus in Amtskleidung zur Arbeit bzw. nach Hause.

  2. Es gibt Menschen…….
    (Jaaah genau, mein alter guter Lieblingsspruch, den jeder für sich nun zu Ende führen darf;) )

    Erst denken –> dann handeln würde ich noch anmerken ^^

    Grüüße

  3. Einfach ein unglaubliches Benehmen…und sowas nennt sich Polizist und Freund und Helfer.

    Bei Polizisten ist es wirklich so, dass sie (bis auf die Waffe) auf dem Heimweg oder dem Hinweg die Uniform schon anhaben. Keine Ahnung warum, sieht man aber öfters.

  4. der vater einer freundin hat eine ganze kleiderstange voll uniformkram zuhause… glaube der fährt auch im privatauto in uniform zur arbeit und wieder heim. warum das so ist weiss ich nicht… weil sie es wohl dürfen vermutlich!

  5. Meines Wissens fahren Polizisten in Uniformen in öffentlichen Verkehrsmitteln weil der Transport für uniformierte Beamte kostenfrei ist…

    Warum?

    Uniformierte Polizeibeamte (oder auch uniformierte Retter oder Feuerwehrleute) unterliegen der Garantenpflicht und dürfen auf Grund dieser kostenfrei Bus & Bahn nutzen…

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