Veröffentlicht in Geschichtchen aus dem Leben

Ömchen…

Meine Mutter hat eine makabere Vorliebe für Todesanzeigen. Wenn wir eine Zeitung auf dem Frühstückstisch haben, bekommt jeder einen Teil und dann werden irgendwann lukrative Tauschgeschäfte angeboten, wer den Teil mit den Todesanzeigen hat, hat bei meiner Mutter stets einen Stein im Brett, – komische Sache, sie leugnet auch, die Todesanzeigen zu lesen, aber sie tut es, ich weiß es, mein Vater weiß es, meine Familie weiß es. Vielleicht ist es auch makaber, aber manchmal überfliege auch ich sie, vielleicht, weil ich es bei meiner Mutter irgendwann so abgeschaut habe? Wundere mich, wie alt manche Menschen werden, oder auch, wie jung andere sterben, manchmal finde ich auch einfach nur die Worte der Angehörigen, die diese Anzeige schreiben, schön. Mittlerweile besitzt die Familie Schneckenhäuschen sogar ein Buch voller Todesanzeigen, – es nennt sich ‚Aus die Maus‘ und es enthält von Geschmacklosem über Tipp-, oder Rechtschreibfehler bishin zu einfach niedlichen, originellen Todesanzeigen wirklich einmal alles. (Unter anderem auch ein ‚Mach’s gut, Alter!‘ und ich wüsste genau, wer von mir solche Nachworte bekommen würde, wobei ich nicht weiß, ob ich zweifeln würde, ob es angemessen ist, soetwas in die Zeitung setzen zu lassen. Dann lieber ein stilles ‚Machs gut, Alter!‘ am Grab? Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es auch makaber, dass ich das jetzt weiß.) Jedenfalls… als ich diese Todesanzeige gefunden habe, was die Situation eh etwas skurril. Ein Weihnachtsgeschenk an meine Familie war eingepackt in Geschenkpapier und darunter in einer Lage Zeitungspapier, zum Schutz. Ob es der Zufall, oder die Schenkenden so wollten, das weiß ich nicht, aber oben auf konnte man die Todesanzeigen erkennen, das Datum der Zeitung war der 7.12.2010, die Zeitung die ‚RGA‘. Ich habe sie gesehen und wusste nicht, ob ich lachen sollte, oder feststellen, dass sie wirklich gut ist, es ist wohl auch offenbar eher ein… Jahresgedächtnis. Schaut erstmal selbst:

'Danke für den Schnee! Danke für 23°C, leicht bewölkt! Danke! Ömchen 07.12.2009'

‚Danke für den Schnee! Danke für 23°C, leicht bewölkt! Danke! Ömchen 07.12.2009‘

Ich habe sie einige Tage lang mit mir herumgetragen, sie liegt, ausgeschnitten in meinem Kalender. Die ersten Tage habe ich sie belächelt, lächerlich. Mittlerweile lächele ich und hab eine kleine Träne im Auge. Ich finde es ziemlich ergreifend, wie dort ‚Ömchen‘ gedacht wird, wie sich bei ‚Ömchen‘ für Schnee und für schönes Wetter bedankt wird und wie man scheinbar einfach gelegentlich an sie denkt. Auch ich habe letztes Jahr meine Oma beerdigt. Eine meiner beiden Omas. Das war recht plötzlich, sie war nämlich ziemlich, – wie sie immer sagte ‚taff‘ und dann kam ihre Zeit, mit stolzen 81 Jahren, war sie dann ganz ‚piff‘, wie schnell es vorbei war. Und dankbar, dass sie, so stellte sie es sich vor, bald ihren Ehemann wiedersehen wird. Mir laufen die Tränen geradezu über die Wangen, gerade. Sie fehlt mir, verdammt. So oft war ich genervt, wenn ich zur ihr ‚musste‘ oder wollte viel lieber andere Dinge tun. So oft fand ich sie anstrengend. Und jetzt, ja, jetzt fehlt sie mir, abgrundtief. Manchmal mehr und manchmal weniger, gerade eher mehr. Danke, Oma, danke für den Schnee und danke dafür, dass du von da oben ein Auge auf mich, – und auf alle anderen hälst. Und danke für das Leben, das ist nämlich schön. Danke Ömchen, danke Oma, das war toll mit dir!

 

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Autor:

Lebt, liebt, lernt, träumt den Traum vom Medizinstudium. HiOrg, RS, Staatsexamen MTLA vor der Tür. Lebt vom Partymolekül in ihrem Blut.

7 Kommentare zu „Ömchen…

  1. Ich bekenne es, ich lese die auch. Nicht als erstes, aber eigentlich immer. Gesammelt habe ich aber bisher nur eine einzige. Aber das kommt vielleicht noch 😉
    Ich find’s schön, dass Du immer noch viel an Deine Oma denkst, mir geht es auch so. Omas sind schon ganz besondere Menschen 🙂

    1. *lach* Das tun wohl viele Menschen… weißt du denn, warum du es tust? 😉
      Ich sammele sie für gewöhnlich auch nicht, aber diese eine, in der es um ‚Ömchen‘ ging, die musste ausgeschnitten und aufbewahrt werden! 🙂
      Ja, Omas sind was besonderes… 🙂

  2. Ja, meine Oma ist auch vor einiger Zeit gestorben und ich kann dich sehr gut nachvollziehen. Ich vermiss sie auch noch sehr.
    Und ich fühl mich genau so im Bezug aufs Vermissen wie du. Ich hab mich später immer über ihre Vergesslichkeit geärgert, aber jetzt weiß ich, dass sie gar nichts dafür konnte (Alzheimer).

    Und die Todesanzeige ist ja wohl schön! Da haben sich die Leute ja richtig was dabei gedacht. Danke fürs teilen!

    1. Ja, – so ist das, mit Menschen, die man liebt und bei denen man das vielleicht erst merkt, wenn ich gar nicht mal mehr so präsent sind, wie sie es einmal waren….

      Finde ich auch, – deswegen wurde sie geteilt! 🙂
      Grüße und danke 🙂

  3. Der letzte Teil des Eintrags hat mir gerade auch ein paar Tränchen in die Augen gezaubert. (Danke auch für deinen Kommentar auf meinem Blog.)

    Ich muss zugeben: Ich bin auch eine akute Todesanzeigenleserin. Ich liebe Namen, schon immer. Ich besitze bestimmt zehn Vornamensbücher und jeder, der mein Bücherregal genauer unter die Lupe nimmt, muss meinen, ich hätte mindestens drei Kinder auf die Welt gebracht und große Probleme bei der Namenswahl gehabt. Jedenfalls suche ich immer nach interessanten Vornamen – oder Enkelkindern mit ganz scheußlichen Namen, was es ja heutzutage leider verdammt oft gibt. Auch die Zitate über den Namen der Verstorbenen lese ich gerne, einige finde ich schön, andere eher nicht. Und „Aus die Maus“ besitze ich auch. Immer wieder sehr unterhaltsam, sich da so durchzublättern. Man hofft in solchen Momenten auch irgendwie immer ein bisschen, dass mit einem nicht irgendwann auch so per Todesanzeige abgerechnet wird oder man selbst mit seinen Nachfahren abrechnen muss…

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