Veröffentlicht in Geschichtchen aus dem Leben, Selbermachen und so

‚…wenn der Regen‘

Heute mal wieder etwas aus dem Schneckenhäuschen‘ Fundus… Eine Kurzgeschichte, die ich mal für die Schule schreiben musste… ich finde sie irgendwie etwas holprig, aber irgendwie gefällt sie mir auch. Zweischneidiges Messer… Vielleicht gefällt sie euch, vielleicht nicht 😉 (Kritik ist durchaus erlaubt, – keine falsche Scheu 😉 )
Die Tage gibts dann wieder was ‚richtiges‘ 😉

‚…Wenn der Regen…‘

Sie lief den Weg entlang, die kleinen Steinchen knirschten, da wo sie hintrat. Erschreckend still war es hier und das, obwohl es Nachmittag war, die perfekte Zeit an diesem Ort nach dem Rechten zu sehen. Aber keine lebende Menschenseele weit und breit. Rechts und links des Weges sah sie Blumen, einige frisch, andere eher älter. Dahinter große Steine. Eingravierte Namen. Namen von Fremden, von Menschen, die ihr fremd waren, zu denen sie keine Geschichte kannte und die sie auch niemals mehr kennen lernen würde. Jedenfalls nicht auf dieser Welt. ‚Waltraud Bam’, ‚Peter-Rainer Kusch’, sie kannte sie nicht. Einen Moment lang blieb Katie bei einem Stein stehen, der ihr gefiel. ‚Ursel Nerig  *1946  + 2000 In den Armen des Herrn’ Er war einfach gemacht, dieser Stein. Rund und glatt, die Sonne spiegelte sich in ihm. Sie versuchte sich das Leben von Ursel Nerig vorzustellen. Ursel als kleines Mädchen, kurz nach dem 2. Weltkrieg, als Jugendliche, als junge Frau, bei ihrer Hochzeit, mit zwei Kindern, als ältere Dame, als Großmutter und schließlich, wie Ursel einfach friedlich einschlief. So etwas war nicht selten, zumindest versuchte Katie immer und immer wieder sich so etwas einzureden. Die meisten Menschen sterben alt und zufrieden, sie schliefen einfach ein.
Sie riss sich von dem schönen, glatten, schwarz glänzendem Stein los und ging weiter. Eine Abbiegung rechts, dann die zweite links, an den Urnen vorbei und geradeaus. Alleine einen Stein auf diesem Weg kannte sie. Den ihres Onkels, auch er war einfach eingeschlafen, auch, wenn er nicht alt gewesen war. Er war krank gewesen, also so ähnlich wie alt. Der Krebs hatte ihn verdammt alt gemacht. Allen war klar, dass es bald passieren würde und als es geschah, war es schon fast eine Erlösung für sie, nicht mehr Angst vor dem ungewissen Tag haben zu müssen. Natürlich hatte es auch ihren Onkel erlöst, von den quälenden Schmerzen, die er hatte und von all dem, was ihm seine Familie an Mitleid entgegen gebracht hatte.
Aber beim Onkel blieb sie nie stehen, immer ging sie einfach weiter. Sie warf lediglich einen kurzen Blick auf das Grab, waren die Blumen gegossen? Spross vielleicht das Unkraut? Brannte die kleine, rote Kerze noch, war das Kreuz sauber oder hatte sich vielleicht ein Vogel darauf erleichtert? Der Onkel hatte noch keinen Stein, er war noch nicht so lange begraben. Nicht ganz ein Jahr, die Familie hatte sich noch nicht entscheiden können, was er für einen Stein haben sollte.
Sie ging weiter. Langsam kam das mulmige Gefühl auf, das sich immer einstellte, wenn sie sich diesem Grab näherte. Es ist okay, Angst zu haben, sagte sie sich. Okay traurig zu sein, du könntest weinen, du könntest es einfach tun, niemand würde es sehen, niemanden würde es kümmern. Sie hatte nicht weinen können. Nicht damals und bis heute immer noch nicht. Viel zu überraschend war es gekommen. Plötzlich war er weg gewesen. Einfach weg, aus, nicht mehr da. Es war komisch gewesen, in den Sommerferien war es gewesen. Sie wusste nicht, was er gehabt hatte, er war nicht betrübt gewesen. Sie waren noch zusammen unterwegs gewesen, mit der Gruppe, sie hatten schöne zwei Wochen gehabt und auch nach diesem Urlaub hatten sie sich ein paar Mal getroffen, E-Mails geschrieben und dann, ganz plötzlich rief jemand an. Seine Mutter. Er ist tot, sagte sie. Hatte Tabletten geschluckt. Niemand hatte ihn gefunden. Und schwups, war er weg gewesen, einfach nicht mehr da. Ohne ihr auf wieder sehen zu sagen. Und, sie hatte nicht weinen können, hatte geschluckt und okay gesagt. Später hatte ihre Mutter für sie herausgefunden, wann er beerdigt würde. Sie war hingegangen, hatte eine Blume in das Grab geworfen. Eine Tulpe, eine weiß rot gesprenkelte. Mit einem dumpfen Geräusch war sie auf den Sarg gefallen. Sie sah hinein, Holz, weiß lasiert. Ein schöner Sarg eigentlich, ja, das hatte sie gedacht. Komisch, was ihr in dieser Situation in den Kopf kam. Alle hatten sie geweint, alle aus der Gruppe, die sie mit ihm im Urlaub gewesen waren, einige zu sehr, es war auffällig, das sie nur wegen des Weinens wegen weinten. Nur sie, sie, die am meisten mit ihm zu tun gehabt hatte, hatte nicht weinen können, es ging einfach nicht.
Sie war gelaufen, während diesen Gedanken, einfach weitergegangen, sie war erst zweimal dort gewesen, aber ihre Füße kannten den Weg. Als sie angekommen war, blieb sie stehen, blickte auf das Grab, frische Blumen standen dort, eine Kerze, ein kleines Holzkreuz, sein Name und Geburtsjahr und die derzeitige Jahreszahl. Als sie seinen Namen immer und immer wieder las, wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn gemocht hatte. Sie hatte es gewusst damals, bei jeder ihrer E-Mails, immer, wenn sie sich trafen, den gesamten Urlaub über, aber sie hatte es ihm nie gesagt. Nicht mal versucht, ihm zu sagen, wie sehr sie ihn eigentlich gemocht hatte.
Sie stand einfach da, die Spätnachmittagssonne rieselte auf ihren Rücken. Irgendwann tippte ihr jemand vorsichtig auf die Schulter. ‚Katie?’, sie erschrak, drehte sich herum. ‚Hallo, schön dich hier zu sehen, bei ihm’, sagte die Frau, sie hatte rote, verweinte Augen aber ein warmes Lächeln auf dem Gesicht. Katie nickte, ihr Blick schwiff wieder ab, viel zu sehr war sie abgelenkt, in Gedanken. ‚Oh, endschuldige, ich bin’, sie seufzte, ‚oder war, seine Mutter.’ Katie nickte erneut, vorsichtig, zaghaft. Die Frau ging um sie herum, an die andere Seite des Grabes. ‚Ihr beiden, ihr habt euch gemocht, nicht?’ fragte die Frau, die seine Mutter gewesen war. Schwach nickte Katie erneut. ‚Es tut mir leid, Katie, das ich Sie so störe, es ist nur, es gibt da eine Hand voll Briefe, die er geschrieben hat,’ Katie schloss die Augen und öffnete sie wieder. Die Frau störte sie nicht direkt, sie irritierte sie, sie warf Katie aus der Bahn, aus ihren Gedanken. ‚an dich.’ Endete die Frau, sie nahm aus ihrer Handtasche einen kleinen Stapel von fünf Briefen, zusammengehalten von einer Büroklammer und hielt sie Katie hin. Katie konnte sie nicht nehmen, nicht anfassen, sie war immer noch zu abwesen, wie taub und blind und stumm, innerlich. Die Frau merkte, das Katie sie nicht nehmen würde und stellte sie schräg an das Kreuz. Dann warf sie einen Blick auf das Grab, bevor sie, mit den Schuhen im Kies knirschend davon ging. Katie stand einfach nur da, einige Minuten, wie viele hätte sie nicht sagen können. Sie blickte auf das Kreuz und das Grab, da kamen Bilder, Bilder von ihm, schöne Bilder, lustige Bilder und mitten in dieser Erinnerung begann es zu regnen. Leicht und eher angenehm als unangenehm, sie begann sich auf den Heimweg zu machen. An dem Stein von Ursel blieb sie erneut stehen. Regen lief ihr über die Haare und durchs Gesicht und in all den schönen Erinnerungen an gemeinsame Tage, kamen ihr die Tränen, mit einem sanften Lächeln. Sie lachte noch einmal über seine alten Witze und Späße und dachte sich, ‚Die wenigsten Menschen sterben alt und erfahren, und man sollte doch gehen, wenn es am schönsten ist’. Katie blieb einen Moment im Regen stehen, bevor sie zurückging.

 

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Autor:

Lebt, liebt, lernt, träumt den Traum vom Medizinstudium. HiOrg, RS, Staatsexamen MTLA vor der Tür. Lebt vom Partymolekül in ihrem Blut.

6 Kommentare zu „‚…wenn der Regen‘

  1. Gefällt mir, Deine Geschichte. Verlust und Verarbeitung sind schwierige Themen, das hast Du gut rübergebracht. Ich finde aber, es gibt ein paar Punkte, mit denen die Story stärker werden könnte:
    Ich empfinde den Text als widersprüchlich – der Anfang macht den Eindruck, dass sie dauernd zu dem Grab geht, dann kommt raus, dass sie erst zwei Mal da war. Da glaube ich den Anfang nicht mehr. Vor allem aber ist mir das auslösende Moment nicht stark genug, dass sie auf einmal um ihren Freund weinen kann. Ich kriege als Leser nicht genug mit, was das auslöst. Dass die Mutter die Briefe mit hat, wenn Katie so selten am Grab ist, empfinde ich als Zufall (und das ist für eine Geschichte nicht gut).
    Willst Du die Geschichte überarbeiten? Ich finde, sie hat es verdient 🙂

    1. Ersteinmal, – tausend Dank für diese super konstruktive Kritik! 🙂
      Ich habe mich da wirklich ziemlich drüber gefreut, – und mich offengestanden auch gewundert, dass mir so etwas selber nicht auffiel… 😉
      Ich denke, ich werde die Geschichte überarbeiten, – sie ist mir ja irgendwie ans Herz gewachsen! 🙂
      Liebe Grüße

  2. Hallo Schneckenhäusen,
    Mein Vater ist vor ein paar Jahren gestorben und deine Geschichte hat mich gestern völlig auf dem falschen Fuß erwischt. Deshalb ein Kommentar erst heute. Eine wunderbare Geschichte die einen völlig in den Bann zieht.
    Federkiel muß ich in sofern recht geben dass einige Dinge nicht ganz logisch sind. Die Mutter meines Onkels müsste meine Oma sein, es ist unwarscheinlich daß ich sie nicht kenne. Aber auch so eine wunderbare Geschichte.

    1. Hallo Ralf 🙂
      vor weg schonmal, – herzlich Willkommen auf meinem kleinen Blog 😉
      Ich freue mich, dass meine Geschichte gefällt und werde an Federkiels Kritik entlang die Geschichte mit Sicherheit bearbeiten, danke auch für deine logische Schlussfolgerung mit dem Onkel und Mutter/Oma, – darüber werde ich mir noch meine Gedanken machen 🙂
      Liebe Grüße vom Schneckenhäuschen 🙂

  3. Mir gefällt die Geschichte, ich finde aber, dass der Teil mit den Briefen zu kurz abgehandelt wird. Da könntest du mehr draus machen, um bei dem Part nicht so viel an der Fantasie des Lesers hängen zu lassen.

    1. Ich denke, das war damals gewissermaßen meine Intention, aber wenn ich die Geschichte überarbeite, werde ich mich darum kümmern, den Leser da ein wenig mehr zu… ’schubsen‘ 😉
      Danke für den Kommentar, beziehungsweise diese konstruktive Kritik! 🙂
      Liebe Grüße, Schneckenhäuschen 🙂

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