Veröffentlicht in Neustart

Mit Gewalt gegen Hilfe.

Auf Hermiones Blog herrscht diese Woche die Themenwoche „Gewalt gegen Rettungsdienste*innen“ und hier möchte auch ich etwas beitragen.

Meine Rettungsdiensterfahrung bezieht sich bisher lediglich auf mein Wachenpraktikum im Rahmen der Ausbildung zur Rettungssanitäterin.
In diesem, 160 Stunden lang dauerndem Praktikum war ich auf einer Großstadtwache und, weil vom Wachvorstand so gewollt 50/50 eingesetzt, – das heißt 14 Tage lang Krankentransport, 14 Tage lang Notfallrettung.

Krankentransport war für mich nicht groß neu, ich war das ganze FSJ im unqualifizierten Krankentransport und so richtig-richtig anders ist es im qualifizierten Transport nun auch nicht. Mehr Hintergrundwissen über Patienten und deren Krankengeschichte, etwas mehr Doku und natürlich jemand, der beim Patienten sitzt und diesen medizinisch überwacht und menschlich entertaint.
Belehrt, wie wir unseren Job zu machen hätten und warum ausgerechnet die junge, weibliche Praktikantin Opa die Treppe hoch tragen soll war ehrlich gesagt nichts schockierendes für mich. Wie traurig, eigentlich.

Rettungsdienst war mir neu. 
Ich war die dritte auf dem Auto, vieles war neu und aufregend.
Direkt mein erster Einsatz war eine schwere Verletzung, der zweite ein Polytrauma (So nennt man ein Verletzungsbild bei dem mehr als eine Verletzung direkt tödlich sein könnte) nach einem Verkehrsunfall. Puh!
Da kam ich irgendwie kaum mit.
Die Arbeit des Rettungsdienstes um mich herum verlief sehr routiniert, niemand hatte mir vorher erklärt, dass man aus einer Vigo-Nadel einen Blutzucker messen kann und wo ich zu stehen habe wenn es voll wird im Auto.
„Schnecke, komm mal hier hin. Ja! Okay, nee, rüber! Mach mal die Türe auf! Halt mal hier! Hier, nimm das Telefon, gewählt ist schon, sag du willst einen Schockraum, dann kommt ein Doc ans Telefon und den reichst du dann an den Notarzt weiter…!“ sind nur Fetzen, an die ich mich noch erinnern kann.
Von den Patienten an sich habe ich gar nicht mehr viel in Erinnerung. Ich hoffe, ich hatte den Mund zu, trotz allem staunen.

Halten wir uns vor Augen: Ich war nur 10 Arbeitstage à 8 Stunden im Rettungsdienst. 

Recht schnell wurde mir klar, dass meine Wache nicht grad im Schickimicki-Viertel der Großstadt lag. Das erkennt man an Wohnungen und deren Pflegezustand, an Altenheimen in denen ich niemals enden will und zum Teil auch am Umgangston unter den Menschen.

Und dann kam dieser Einsatz, zu dem wir in eine ganz merkwürdige Gegend gerufen wurden, die beiden erfahrenen, männlichen Kollegen wirkten irgendwie nervös, wir nähmen auch erstmal nichts mit raus. Man wisse nie.
Nichts mit raus nehmen? Puh. Das war für gewöhnlich etwas für das ich den Kopf abgerissen bekommen hätte.
Immerhin saß ich auf der Anfahrt hinten und es war ein Klacks für mich Defi, Absaugung, Sauerstoff und Rucksack mitzunehmen.
(Ja. Ab und an auch mal alles. Gibt solche und solche Kollegen.)
„Nein, Schnecke. Nichts. Bleib zwischen uns.“
Wir finden eine heruntergekommene Frau vor. An eine Wand gelehnt. Keine große Spannung mehr im Körper.
Der Kollege kennt ihren Namen. (Natürlich sind alle Namen auf diesem Blog nicht die, die es in Wirklichkeit sind!)
„Frau Fleischer! Was ist denn los?“ Nichts. Keinerlei Reaktion.
Ein ziemlich abgewrackter Mann kommt um die Ecke geschlichen. „Ich hab Sie angerufen“, lallt er. „hab aber dann doch Schiss vorn Bullen gekriegt.“ und dann geht er weiter.
Die Kollegen haben offenbar keine Fragen mehr, lassen ihn ziehen.
„Frau Fleischer! Haben Sie Alkohol getrunken?“
Sie wird leicht wach. Reißt die Augen auf. Rappelt sich auf. Nimmt eine Glasflasche, welche offenbar bisher unter ihr lag und versucht sie auf den Kollegen zu werfen.
Zum Glück ist sie nicht mehr sehr treffsicher und die Flasche kullert nur auf uns zu.
„Nur die Flasche“ kann man irgendwie verstehen, als sie den Mund aufmacht.
„Frau Fleischer! Sie können nicht mit der Flasche auf den Kollegen werfen!“, sagt nun der andere Kollege, zieht sich dickere (nadelstichsichere) Handschuhe über und sagt „Kommen Sie! Ich helfe Ihnen hoch!“.

Sie funkelt ihn an. Macht dann aber Anstalten mit seiner Hilfe aufzustehen. Kurz darauf holt sie aus und will ihm eine Überziehen. Er lässt los. Sie fällt, stöhnt auf, holt eine Spritze aus ihrer Hosentasche.
Ich bin mir unschlüssig. Weiter nach hinten gehen? Aus dem Weg? Sowas habe ich noch nie erlebt, das lernt man auch in der Ausbildung nicht so richtig.

Irgendwo hört man ihre Kumpanen lachen. Offenbar auch nicht grad nüchtern.
Die Kollegen blicken sich kurz an und dann heißt es „Frau Fleischer! Wir holen die Trage…“ und wir laufen gemeinsam die paar Meter zum Auto.
Das machen wir sonst nicht. Normalerweise bleibt wer beim Patienten.
Ich will die Hecktür des RTWs öffnen, aber der Kollege bedeutet mir hinten einzusteigen. Sie tun es mir nach, greifen den Funk.
Wir warten nun auf die Polizei, heißt es.
Von außen bollert jemand gegen den RTW, wir sollen das Blaulicht ausschalten, es störe ihn, lallt die Person.

Die Kollegen lassen sich nicht beeindrucken, irgendwann trifft die Polizei ein.
Gemeinsam steigen wir aus und mit der Polizei im Rücken wird die Frau zahm, wir bekommen sie ins Auto,  die Polizei einigt sich mit ihr darauf im RTW mitzufahren und falls sie sich wieder nicht benimmt würde man sie fixieren.
Sie feixt, sei immer ein braves Mädchen.

Es ist so voll im RTW (Besatzung, irgendwann kam ein Notarzt dazu und die Polizei), dass ich im Streifenwagen mitfahre.
Unterwegs hält der RTW zweimal an weil sie erneut handgreiflich wird, auch im Krankenhaus kennt man die Dame schon.

Was bleibt ist die Frage, was muss passieren, bis RTW, Polizei und das Krankenhaus mich kennen? Warum rastet sie immer wieder so massiv aus?

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Autor:

Lebt, liebt, lernt, träumt den Traum vom Medizinstudium. HiOrg, RS, Staatsexamen MTLA vor der Tür. Lebt vom Partymolekül in ihrem Blut.

5 Kommentare zu „Mit Gewalt gegen Hilfe.

  1. Krass. Sehr eindrucksvoll beschrieben. Ein Glück (?), dass die beiden so betrunken waren. Etwas nüchterner, und sie hätten euch noch gezielt angreifen können. 😳

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